Die Gedenkfeier fand im Rahmen des Jahrestags der Befreiung vom Nationalsozialismus statt und war bewusst interreligiös gestaltet. Neben einem katholischen Bischof und einer jüdischen Rabbinerin sprach auch ein Imam, der die Notwendigkeit betonte, sich gegenseitig vor Radikalisierung zu schützen. Vertreter der muslimischen Gemeinden nutzten den Anlass, um sich klar von antisemitischen Ausschreitungen der vergangenen Monate zu distanzieren. Steinmeier dankte ihnen und sagte, es komme jetzt auf eine unzweideutige Ablehnung jeglicher Form von Menschenfeindlichkeit an.
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In den anschließenden Gesprächen mit den Gästen suchte der Bundespräsident das direkte Wort und zeigte sich offen für Kritik an der Politik. Ein junger Auszubildender aus Duisburg schilderte, wie er im Bus mitbekomme, dass Menschen mit Migrationshintergrund beschimpft würden, und fragte, was er als Einzelner dagegen tun könne. Steinmeier riet ihm zu Zivilcourage im Rahmen der eigenen Sicherheit und dazu, solche Vorfälle nicht schweigend hinzunehmen. Es sei besser, hinterher mit dem Opfer zu sprechen und zu signalisieren, dass es nicht allein sei, als völlig wegzuschauen.
Die Rede des Bundespräsidenten wurde in den Abendnachrichten breit zitiert und löste eine Debatte darüber aus, wie verbindlich ein solcher Appell sein kann, wenn die politischen Gräben tiefer werden. Während Vertreter der Ampelparteien die Worte als wichtigen Impuls lobten, meinte ein AfD-Politiker, Steinmeier solle lieber die Sorgen der Bürger ernst nehmen, anstatt die Gesellschaft zu spalten. Die überwältigende Resonanz zeigte jedoch, dass viele Menschen sich nach einer Ansprache sehnen, die die gemeinsamen Werte in den Mittelpunkt stellt. Der Abend endete mit einem stillen Gang durch den Park von Bellevue, bei dem Kerzen entzündet wurden.
